Sonntag, Juli 21, 2024
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„Lean Management ist ein Teamprojekt“

Lin Müller Portrait
Lin Müller spricht im Interview über die Symbiose von schlanken Prozessen und Industrie 4.0

Künstliche Intelligenz, Big Data und digitale Kunden: Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor Herausforderungen. Und sie unterstützt gleichzeitig den Lean-Gedanken: Betriebe können effizienter und schneller produzieren, wenn sie die digitale Transformation meistern und Lean-Management-Methoden anwenden. Was das im Einzelnen bedeutet? Lin Müller, Experte für Lean Management und Dozent des Online-Weiterbildungsanbieters karriere tutor®, beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Digitalisierung und Lean.

Was ist Lean Management?

Lin Müller: Lean Management stellt im Grunde ein Führungskonzept dar, das sicherstellt, dass Kunden die bestmögliche Qualität bekommen. Gleichzeitig sollen Verschwendung sowie unnötige Kosten und auch Fehler vermieden werden. Entscheidend sind dabei Effizienz und klar definierte Prozesse. Lean Management umfasst verschiedene Methoden und Tools, um Prozesse über alle Unternehmensbereiche hinweg zu optimieren.

Was ist das Ziel von Lean Management?

Müller: Lean Management verfolgt das Ziel, eine starke Kundenorientierung bei einer Verschlankung der Prozesse für die gesamte Wertschöpfungskette zu erreichen. Stillstand kommt auf Dauer einem Rückschritt gleich. Das Streben nach Perfektion und die kontinuierliche Verbesserung sind dabei zentrale Ziele der Lean-Management-Prinzipien. Perfektion lässt sich zwar nicht immer erreichen, sie sollte aber das Ziel sein, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Welche Lean-Management-Methoden gibt es?

Müller: Bei der Wertstromanalyse dreht sich alles um das Visualisieren und Verbessern von Prozessabläufen. Sie verwendet Symbole für verschiedene Aktivitäten und Informationsflüsse und verfolgt so den Ablauf von Prozessen – vom Kundenauftrag bis zur Auslieferung. So werden Verschwendungen jedweder Art in den Prozessabläufen sichtbar gemacht. Die Methode visualisiert den Ist-Zustand und hilft dabei, Ziele zu setzen.

Kaizen setzt sich aus den japanischen Begriffen „Kai“ (Veränderung) und „Zen“ (zum Besseren) zusammen und lässt sich als „kontinuierliche Verbesserung“ übersetzen. Bei Kaizen geht es nicht um eine kurzfristige Innovation, sondern um eine Unternehmensphilosophie. Das Team spielt dabei eine wichtige Rolle. Mithilfe der Mitarbeiter wird Optimierungspotenzial aufgedeckt und Verbesserung möglich gemacht.

Wie hat sich Lean Management seit seiner Entstehung Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt?

Müller: Bereits Anfang der 1990er Jahre hat sich Lean Management weltweit durchgesetzt. Zwischen 1990 und 2010 sind etwa 700 Publikationen zu diesem Thema erschienen, was die enorme Bedeutung der Lean-Philosophie für die Produktionsprozesse veranschaulicht. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts findet sich die Anwendung von Lean-Prinzipien auch im administrativen Bereich. Man hat erkannt, dass Lean einen Mehrwert darstellt, der auf alle Unternehmensbereiche ausgeweitet werden sollte. Nur so gelingt es, die Methoden und Werte an alle Mitarbeiter weiterzutragen und von den Vorteilen in ihrer Gesamtheit zu profitieren.

Was müssen Unternehmen tun, um lean und digital zu sein?

Müller: Der Lean-Gedanke besagt, dass Prozesse laufend optimiert und schlank gestaltet werden. Genau hier setzt die Digitalisierung an. Wenn Unternehmen die Möglichkeiten nutzen, die sich in der sich immer weiter entwickelnden digitalen Welt bieten, bleiben sie effizient. Lean und Digitalisierung ergänzen sich also.

Was bedeuten Lean Management und Digitalisierung für Mitarbeiter und Führungskräfte?

Müller: Um die Begeisterung für Lean von oben nach unten zu entfachen, müssen die Verantwortlichen richtig kommunizieren. Kommunikation ist auch entscheidend, wenn es um digitale Veränderungsprozesse geht. Lean ist ebenso wie Digitalisierung ein Teamprojekt. Beides hilft, Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten, doch der Faktor Mensch darf nicht außer Acht gelassen werden: Das Mitziehen der Mitarbeiter ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg. Auch das beste Werkzeug taugt nur so viel wie die Hand, die es bedient. Der Veränderungsprozess sollte nicht nur verstanden und angenommen, sondern auch verinnerlicht werden.

Warum sollten (Industrie-)Unternehmen nicht auf Lean Management verzichten?

Müller: Lean Management ist darauf ausgelegt, Teil der Unternehmenskultur zu werden. Der Nutzen erstreckt sich auf das gesamte Unternehmen. Und: Nur Unternehmen, die schlanke Prozesse haben, werden es überhaupt schaffen, Industrie 4.0 erfolgreich zu implementieren. Die Symbiose von Lean und Industrie 4.0 bietet für Unternehmen ein enormes Potenzial.


Lin Müller war nach seinem Maschinenbau-Studium viele Jahre als Berater im Bereich Entwicklung und Konstruktion tätig; hiernach arbeitete er als Produktions- und Werksleiter sowie als technischer Leiter. Er hat die Weiterbildung Six Sigma Black Belt absolviert und ist zertifizierter Lean Management Master. Beim Online-Weiterbildungsanbieter karriere tutor® ist er Dozent für Lean Management, Lean Production und Wertstromdesign.

Laura Langer
Laura Langer
Laura ist seit Mitte 2015 als Redakteurin und Marketing Manager bei Business.today Network tätig. Zuvor machte Sie Ihren Master-Abschluss in BWL mit Schwerpunkt Marketing.
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